Leseprobe Alkohol

‘Blau sein’ ist ein Synonym für ‘betrunken sein’ nach (übertriebenem) Alkoholgenuss ( blitzblau). ‘Blau ist keine Farbe, sondern ein Zustand’, sagt ein altes  Sprichwort. Weitere Erweiterungen sind: Blau wie ein  Veilchen, wie ein Eckhaus, wie (zehn)tausend  Mann, wie eine Strandhaubitze. Die Etymologie dieser  Redewendungen ist nicht gesichert. Ein durch Alkohol bewirkter hoher Blutdruck kann die Gesichtsfarbe gegen Violett anhauchen (Schnapsnase), was im Volksmund mit blau bezeichnet wird. Andererseits könnte “blau” auch die bleiche und  bläuliche Farbe einer unter  Blausucht leidenden Schnapsleiche beschreiben.
Eine dritte Deutungsmöglichkeit ist der alkoholbedingte  Schwindel. Seit dem 16. Jh. ist die Wendung ‘mir wird blau vor Augen’ im Sinne von ‘ohnmächtig werden’ überliefert (blümerant). Das heute in diesem Ausspruch übliche Schwarz umschreibt allerdings schon den vorläufigen Endzustand des Blauseins, während Blau als Farbe von Lug und Trug (Lüge) auch alle Vorstadien poetisch einfärbt: das unscharfe Sehen, die Bewusstseinstrübungen und die vom Alkohol inspirierten Träumereien und Glücksmomente. Bedenkt man, dass Alkohol in fast allen alten Kulturen eine religiöse und kultische Bedeutung besaß, und man nicht nur  symbolisch an einem Weinkelch nippen durfte, ist Blausein auch ein Synonym für Transzendenzerfahrung und irrationale Erlebnisse, die im religiösen Kontext traditionell mit Blau  symbolisiert worden sind. Blausein ist also mehr als nur betrunken sein.
Kulturhistorisch bedeutsam ist die Verbindung von Alkohol mit dem Färberhandwerk, woraus Begriffe wie blau  machen und Blauer  Montag herrühren. Das blaue  Kreuz ist ein Verein zur Rettung Trunksüchtiger, das Blaue  Buch die  Bibel der Anonymen Alkoholiker.